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Rede von Dr. Marcus Meyer, Denkort Bunker Valentin, am 08.05.2025 – Bahrsplate, Blumenthal – Projekt der Internationalen Friedensschule Bremen TIME TO REMEMBER GIVE PEACE A CHANCE
Bevor ich mit dem offiziellen Teil dessen anfange, was ich sagen möchte: Wir hatten heute Morgen die offizielle Gedenkfeier am Bunker Valentin, die einerseits sehr wichtig war, andererseits auch sehr anders. Es gab einen, glaube ich, neunseitigen Ablaufzettel und es gab einen Protokoll-Mitarbeiter, der dafür gesorgt hat, dass die neun Seiten auch exakt eingehalten werden, und ich freue mich gerade über die Lebendigkeit hier, über das Improvisieren, über „wir müssen noch mal den Ton checken" – das macht lebendige Erinnerungskultur aus. Vielen Dank dafür schon mal.
Liebe Renate, lieber Karsten, lieber Herr Thormeier, Carius P.T. dal Italia, cari ospiti dall'Italia, liebe Gäste, vielen Dank für die Möglichkeit, heute zu Ihnen zu sprechen, heute am 8. Mai, 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa.
Vor genau 80 Jahren traten die Vereinbarungen zur bedingungslosen Kapitulation in Kraft, die in der Nacht vom 6. auf den 7. Mai in Reims von General Jodl unterzeichnet worden waren. Die offizielle Urkunde wurde am Tag darauf, nämlich eben diesem 8. Mai, offiziell von Generalfeldmarschall Keitel als Oberbefehlshaber der Wehrmacht im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin-Karlshorst unterzeichnet – in Moskau war es schon der 9. Mai. Deswegen wird dieser 9. Mai dort als Tag des Kriegsendes benannt. Nur, um nochmal zu sagen: Es gibt unterschiedliche Wahrnehmungen, unterschiedliche Zeitfenster. Mit diesem 8. bzw. 9. Mai endeten offiziell sämtliche Kampfhandlungen in Europa. Bis dahin wurde – buchstäblich bis zum letzten Moment – auf deutschem Boden weiter gekämpft. Die Deutschen haben nicht nur weiter gekämpft, sie haben weiter gemordet und sie haben weiter Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Und nur an ganz wenigen Orten gab es so etwas wie die freiwillige Aufgabe. Stattdessen wurden die Gebiete verteidigt, Menschen gequält und jene als Verräter ermordet, die eigentlich aufgeben wollten angesichts der sicheren Niederlage. Und wo dies nicht durch Soldaten geschah oder die SS, taten es der Volkssturm oder die Hitlerjugend.
Zu den größten Verbrechen, die noch vor der Kapitulation geschahen, gehörten die Todesmärsche. Zehntausende von KZ-Häftlingen wurden oft nur wenige Stunden vor dem Eintreffen alliierter Truppen durch die Dörfer und die Städte getrieben, bewacht von der SS, die das System „Konzentrationslager" auf die Straße verlegt hatte und dort weiterführte, ohne dass es dafür noch eine zentrale Steuerung gegeben hätte und oft unterstützt von der Bevölkerung entlang der Strecke. Diese Bevölkerung half vor allem dann, wenn es Häftlingen gelungen war zu fliehen. Sie halfen, diese Häftlinge einzufangen und zu töten und nur in wenigen Fällen half diese Bevölkerung tatsächlich den betroffenen Häftlingen. Und nur dort, wo die Alliierten die Kontrolle übernahmen, endeten die Verbrechen. In Bremen war das am 26. April der Fall, als Bremen kapitulierte – allerdings nicht freiwillig, sondern nach massivem Beschuss durch britische Streitkräfte. Der Bremen Norden kapitulierte erst am 5. Mai, weil deutsche Truppen das Ufer der Lesum verbittert und verzweifelt verteidigten.
Dabei war dieser Krieg längst vorbei. Nicht erst seit Stalingrad. Nicht erst seitdem die 6. Armee dort kapituliert hatte, sondern eigentlich schon mit dem Steckenbleiben der deutschen Offensive vor Moskau und dem Eintritt der Amerikaner in den Weltkrieg Ende 1941. Aber obwohl das Kriegsende damals den helleren Köpfen in der Reichsregierung und in der Armeeführung klar war, gab es keine Kapitulation. Denn Kapitulation war nicht vorgesehen. Der deutsche Krieg zu diesem Zeitpunkt wurde nicht mehr um Ressourcen geführt oder um Geländegewinne, sondern um die Weltherrschaft. Um die Herrschaft der arischen Rasse über den Rest der Welt. Und in diesem Kampf gab es nur zwei Optionen: den Endsieg oder die totale Niederlage. Und diese Ideologie des sogenannten Totalen Krieges trieb nicht nur das Regime an, nicht nur Hitler, nicht nur Himmler, nicht nur Goebbels, nicht nur Dönitz, nicht nur den „guten Nazi“ Albert Speer – diese Ideologie trieb die Mehrheit der deutschen Bevölkerung an, die nach Jahren der NS-Propaganda das Angebot angenommen hatte, Teil der deutschen Volksgemeinschaft zu werden. Aus Überzeugung, aus Gewinnstreben, weil sie den Besitz ihrer verfolgten oder ermordeten Mitmenschen übernommen hatten, weil sie Zwangsarbeiter:innen beschäftigt hatten und so Komplizen des Regimes geworden waren. Neben dem Fanatismus des Regimes und der Befehlshörigkeit der Generäle war es diese Mehrheit der Deutschen, die half, den Krieg bis zum Ende weiterzuführen und die ihn in den letzten zwei Kriegsjahren tödlicher machte als in den ersten vier.
Heute begehen wir das Ende dieses Krieges als den Tag der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft. Und nicht erst seit der Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker vor genau 40 Jahren hat sich in diesen 8. Mai eine, finde ich, merkwürdige Erzählung eingeschlichen. Die Erzählung nämlich einer Trennung zwischen den Nationalsozialisten, die am 8. Mai besiegt worden waren, und den Deutschen, die an dem Tag angeblich befreit wurden von den Nationalsozialisten. Weizsäcker schrieb damit eine Erzählung fort, die schon Konrad Adenauer in die Welt gesetzt hatte, nach der sich Westdeutschland zwar juristisch als Nachfolger des deutschen Reichs verstand, die individuelle Schuld an den Verbrechen aber delegiert hatte an die Haupt- Kriegsverbrecher, die in Nürnberg hingerichtet worden waren.
Ich möchte zwei Abschnitte zitieren aus dieser Rede, die ich für wichtig halte. Erstes Zitat: „Die meisten Deutschen hatten geglaubt für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden, und nun sollte sich herausstellen, dass alles war nicht nur vergeblich und sinnlos, sondern es hatte den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung gedient." Nun sollte sich das herausstellen? Nun, da der Krieg vorbei war? Nachdem sofort 1933 Konzentrationslager errichtet worden waren, in denen politische Gegner inhaftiert, gefoltert und getötet worden waren? Konzentrationslager, die unübersehbar waren, weil sie mitten in den Wohngebieten lagen wie in Findorff oder später hier auf der Bahrsplate? Über die in Zeitungen berichtet worden war? Oder deren Bau für die lokale Bauwirtschaft formal ausgeschrieben worden war – wie beispielsweise im Emsland? Nun, nachdem Jüdinnen und Juden vor aller Augen aus der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen, dann beraubt, deportiert und ermordet worden waren, nachdem Millionen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in der deutschen Wirtschaft eingesetzt worden waren unter brutalsten Bedingungen? In so gut wie jedem Betrieb, jedem Rüstungskonzern und jedem Bauernhof? Den KZ-Außenlagern, von denen genau eines hier gestanden hatte, vor aller Augen? Erst mit dieser Kapitulation stellte sich also heraus, dass man mit „unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung" zu tun hatte? Und dann der entscheidende Satz, Zitat: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft." – Aber das stimmt nicht.
Am 8. Mai wurden jene befreit, die zuvor von den Nazis verfolgt worden waren. Jene, die aktiven oder passiven Widerstand geleistet hatten. Jene, die in die innere Emigration gegangen waren. Jene, die immer noch in den Lagern waren. Aber, weiß Gott, nicht alle.
Ja, natürlich, Weizsäcker erwähnt die Opfer – teilweise bemerkenswert – er erwähnt 1985 bereits die Homosexuellen und die Sinti und Roma, das ist schon bemerkenswert. Aber die Formulierung von der Befreiung aller relativiert diese Aufzählung sofort wieder. Er meißelt vor allem den Mythos von den Nazis auf der einen und den Deutschen auf der anderen Seite in Stein. Und das ist ein Problem, das heute drängender ist als jemals zuvor. Denn es hat Konsequenzen, wenn Verantwortlichkeiten verdrängt und verschwiegen werden. Befragt man heute Menschen nach der eigenen Verbindung zum Nationalsozialismus, dann ist die erstaunliche Antwort meist: „Meine Familie war selbst verfolgt." oder „Meine Familie war im Widerstand." Und wir alle wissen, dass das nicht stimmen kann. Denn wir alle wissen, dass die meisten von uns aus Familien stammen, in denen Täterinnen und Täter, Mitläufer:innen oder Gleichgültige waren, die alle vom Nationalsozialismus in unterschiedlichen Formen profitiert hatten. Wäre das anders gewesen, hätten die Verbrechen so nicht geschehen können.
Dass vor allem Jugendliche heute so denken, ist nicht ihre Schuld. Das ist unsere Schuld. Wir haben Fehler gemacht. Wir haben uns am Anfang, vollkommen zu Recht, mit den Opfern der NS-Herrschaft beschäftigt. Wir haben uns dann auch mit den Täter:innen beschäftigt – mit der SS, mit dem Regime selber. Aber schon die Wehrmacht wurde bereits von der Regierung Dönitz reingewaschen, obwohl es doch sie gewesen war, die die Massaker in ganz Europa verübt hatte. Obwohl doch sie den rassistischen Vernichtungskrieg gegen die UdSSR geführt hatte. Und obwohl ein erheblicher Teil der Wachmannschaften in den Konzentrationslagern aus Wehrmacht- und Marinesoldaten bestanden hatte. Was wir überhaupt zu wenig getan haben, ist, uns jenseits dessen mit den ganz normalen Deutschen auseinanderzusetzen. Zu fragen: „Was hat diese ganz normalen Deutschen dazu gebracht, den Nationalsozialismus zu unterstützen, seine Ziele zu übernehmen und bei deren Umsetzung so bereitwillig zu helfen?" Denn diese Frage würde die Frage an uns selber stellen. Es würde ein ganz anderes Licht auf die Gegenwart werfen, auf die Frage, was wir bereit sind hinzunehmen. Was wir bereit sind mit anzunehmen. Und über was wir bereit sind hinwegzusehen.
Wir erinnern der Opfer, aber wir verweigern uns der Frage, wie eine Gesellschaft geformt wird, die solche Opfer erst hervorbringt. Wenn wir uns diese Frage nicht stellen, wird es wieder passieren. Nicht genau so vielleicht – aber ähnlich. Und möglicherweise ebenso gewaltsam wie radikal – und die Neue Rechte bereitet das bereits vor. Ich erspare Ihnen an dieser Stelle die Wiederholung all der einschlägigen und eindeutigen Zitate – vor allem an diesem Ort.
Erinnerung und Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen, vor allem mit den Rahmenbedingungen dieser Verbrechen, kann helfen das zu verhindern. Aber dafür muss sie ernst gemeint sein. Dafür müssen daraus Konsequenzen gezogen werden. Und ganz lange habe ich gedacht, es wäre ein Konsens in dieser Gesellschaft, deren Verfassung doch so stark von den Ereignissen zwischen 1933 und 1945 geprägt wurde. Seit dem 29. Januar habe ich daran Zweifel. Denn wenn das alles so ernst gemeint ist mit dem offiziellen „Nie wieder!", wie kann es dann dazu kommen, dass es erst einen Festakt in Erinnerung an den 27. Januar, die Befreiung des KZ Auschwitz, gibt in Anwesenheit zweier Holocaust-Überlebender, nur um dann wenig später einen Antrag einzubringen, von dem vollkommen klar ist, dass er nur mit den Stimmen einer rechtsextremen Partei beschlossen werden kann. Diese rechtsextreme Partei führt nebenbei auch einen Kampf gegen die Erinnerung, für die wir hier alle einstehen. Und in diesem Kampf gegen diese Erinnerung führt sie auch einen Kampf gegen die demokratischen Grundlagen dieser Gesellschaft, die wir alle so hochhalten. Und deswegen war dieser Tag, an dem das passieren konnte, für uns alle, die wir an solchen Orten arbeiten, ein Tiefschlag.
Aber dennoch glaube ich nach wie vor, dass es diesen erinnerungspolitischen Konsens grundsätzlich gibt. Und jetzt ist es nicht nur an der Zeit, diesen Konsens wieder mit Leben zu füllen, jetzt ist es an der Zeit, dafür tatsächlich zu kämpfen wie seit 80 Jahren nicht mehr. Vielen Dank.
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