Der Kranich als Friedenssymbol

Internationale Friedensschule Bremen
– ein Projekt im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus –

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Seit Oktober 1986 Jahren befindet sich im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus in Bremen- Vegesack eine Skulptur, die Dem unbekannten Deserteur gewidmet ist.

Dieses Denkmal ist das erste, das in der Bundesrepublik Deutschland namenlosen Deserteuren gewidmet wurde.

Viele von Ihnen bringen das Thema NS-Wehrmachtsdesertion hier in Bremen Vegesack mit Ludwig Baumann in Zusammenhang, nachdem ja auch der große Saal des Bürgerhauses benannt ist. Zu Ludwig Baumanns Schicksal und zu seinem Kampf für die Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure des Zweiten Weltkriegs wird am nächsten Donnerstag der Film „Die Liebe zum Leben“ Auskunft geben, der dann hier im Haus gezeigt werden wird.
Auch wenn die KI behauptet, Ludwig Baumann sei maßgeblich an der Aufstellung des Denkmals im Bürgerhaus beteiligt gewesen, trifft das nicht zu.
Ludwig Baumann war nach Kriegsende tief enttäuscht und verletzt, dass er sich als NS-Wehrmachtsdeserteur weiterhin Diffamierungen und Schmähungen ausgesetzt sah und weiterhin als Feigling und Verräter beschimpft wurde.
Erst das Denkmal im Bürgerhaus ermutigte ihn, sein Schicksal als ehemaliger Deserteur öffentlich zu machen und dann den langen Weg der Rehabilitierung der Opfer der NS-Militärjustiz anzutreten.

Bevor ich etwas dazu sage, wie das Deserteurs-Denkmal ins Bürgerhaus kam und was dann folgte, eine Anmerkung vorweg: Seit Mitte der 80er Jahre war ich Vorstandsmitglied des Gustav-Heinemann-Bürgerhaus-Vereins. Und ich erinnere mich noch ziemlich genau, dass im Frühsommer 1986 drei oder vier relativ junge Männer während einer Vorstandssitzung mit am Besprechungstisch saßen, sich als Gruppe „Reservisten verweigern sich“ vorstellten und dem Vorstand ihr Anliegen vortrugen, dass ihrem Unbekannten Deserteur im Bürgerhaus dauerhaft eine Heimstätte gewährt werden möge.

Nicht mehr erinnern konnte ich mich allerdings bei der Vorbereitung des heutigen Abends, wie breit, facettenreich sowie anhaltend - über fünf Jahre - die Diskussionen, Debatten und deren mediale Begleitung zum Deserteur gingen. Und bis heute trifft man in Forschungsarbeiten auf seine Spur.
Das kann heute nicht umfänglich dargestellt, geschweige denn ausdiskutieren werden.

Ich bedauere, dass Heinrich Theilmann heute nicht hier sein kann. Er war einer der relativ jungen Männer, die damals als Teil der Gruppe Reservisten verweigern sich mit am Tisch saß. Vielen ist er als Unterstützer des Bürgerhauses, engagierter Bremen-Norder oder als Rechtsanwalt bekannt.
Ich habe vor kurzem mit ihm telefoniert und freue mich, dass er bereit ist, sich demnächst an einem Archivgespräch zu beteiligen, in dem wir das Thema noch einmal aufnehmen wollen.

Am 26. April 1986 stellte die Gruppe Reservisten verweigern sich einen am Kinn angeschlagenen Betonkopf, der einen Helm aus belgischen NATO-Beständen trug und damals noch mit einem Tarnnetz versehen war, in die Fußgängerzone Ansgarikirchhof in der Bremer Innenstadt auf und titulierten ihn Der unbekannte Deserteur.

Mit der Aktion wollte sie auf ihre Jahresversammlung aufmerksam machen, auf der es um ein Recht auf umfassendere Kriegsdienstverweigerung ging.

Die Skulptur war ein Eigenprodukt der Gruppe und recht spontan entstanden. In der späteren Auseinandersetzung um das Denkmal ging es immer wieder um den Helm, der eindeutig kein NS-Wehrmachtshelm, sondern ein Helm der NATO / der Bundeswehr sei. Eine Stimme aus der Gruppe der Reservisten später zur Auswahl des Helmes: „Wir hatten halt keinen anderen.“

Die Gruppe Reservisten verweigern sich hatte 1983 im Zusammenhang mit den Protesten gegen die geplante Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland im Rahmen des sogenannten NATO-Doppelbeschlusses zusammengefunden. Sie hatten nachträglich den Wehrdienst verweigert. Dies brachten sie u.a. dadurch zum Ausdruck, dass sie öffentlichkeitswirksam ihre Wehrpässe zurückgaben – nicht verbrannten, wie ihnen später unterstellt wurde.

Auf dem Ansgarikirchhof konnte die Skulptur nicht bleiben. Ein neuer Standort wurde gesucht. Vermittelt über den Bremer Senator für Bildung, Wissenschaft und Kunst Horst Werner Franke (SPD) fand man diesen im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus.

Dass wir als Vorstand, in erster Linie aber Rolf Meyer-Pabst als Vorstandsvorsitzender und Gerd Meyer als Bürgerhausleiter mit der Aufstellung des Mahnmals harscher Kritik ausgesetzt seien würden, war uns bewusst. Über die Größe des Provokationspotenzials eines Denkmals für Deserteure waren wir uns zu dem Zeitpunkt sicherlich nicht umfänglich im Klaren.

Um wieder – oder erstmalig, falls doch nach 1960 Geborene unter uns sein sollten - ein Gefühl für die Zeit zu bekommen, in der der Deserteur ins Bürgerhaus kam, hier ein kurzer Rückblick:

Die Konservative Wende diesseits und jenseits des Atlantiks war weitgehend vollzogen. In den USA regierte Ronald Reagen, in Großbritannien war Margret Thatcher Premierministerin und in der Bundesrepublik Deutschland seit 1983 Helmut Kohl Bundeskanzler. Aber immerhin waren die Grünen seitdem im Bundestag.

Im Mai 1985 hatten Reagen und Kohl gemeinsam auf dem Bitburger Soldatenfriedhof Kränze niedergelegt, auf dem Wehrmachtssoldaten als auch Angehörige der Waffen-SS begraben waren.

Wenige Tage später, am 8. Mai 1985, hielt der Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Bundestag seine viel beachtete Rede, in der er den 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ bezeichnete.

Der sogenannte NATO-Doppelbeschluss befand sich in der Phase der Umsetzung, die Friedensbewegung hatte ihren Höhepunkt überschritten.

Im Juni 1986 hatte Ernst Nolte mit seinem Artikel in der FAZ Vergangenheit, die nicht vergehen will einen Historikerstreit eröffnet; er relativierte den Holocaust mit der Behauptung, es habe sich um eine Reaktion der Nazis auf die Gräueltaten der bolschewistischen Sowjetunion gehandelt.
In Bremen regierte derweil immer noch die SPD alleine. Spitzenpolitiker bekannten sich zur kritischen Aufarbeitung der NS-Zeit und setzten sich für Erinnerungsorte für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft ein. 1983 war Hans Koschnick an der Einweihung des Denkmals vor dem Bunker „Valentin“ beteiligt.

Als vorletzten Punkt möchte ich noch daran erinnern, dass die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 – 1944“, die sogenannte Wehrmachtsausstellung, erst von 1995 – 1999 gezeigt wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt folgte die Bewertung von NS-Wehrmachtsdeserteuren immer noch weitgehend dem Narrativ von Verrätern und Feiglingen und Rechtfertigungserzählungen.

Und als Letztes sei zum Verständnis des Folgenden noch daran erinnert, dass am 25. Jan. 1987 ein neuer Bundestag gewählt werden sollte und im September 1987 eine neue Bürgerschaft.

Die öffentliche Veranstaltung zur Einweihung des Denkmals war von den Initiatoren, von Bürgerhausvorstand und -mitarbeitern, dem Antifaschistische Arbeitskreis des Hauses, der VVN/BdA, Angehörigen der Volkshochschule sowie GEW-Vertretern vorbereitet worden.

Der Einladung folgten ca. 150 Personen. Vertreter der ebenfalls eingeladenen Bundeswehr waren nicht erschienen. Der Bremer Senator Horst Werner Franke (SPD) hielt eine Rede, in der er sagte, dass er „die Gewissensentscheidung, in einem Krieg nicht mitzumachen und angesichts von Kriegsgreueln zu desertieren oder Befehle zu verweigern, nach wie vor für aktuell“ halte, wohl wissend wie „heikel dieses Thema für Armeen ist“.

Die Medien, u.a. Radio Bremen, berichteten positiv über die Veranstaltung.
Erste negative Reaktionen kamen von der christdemokratischen Jungen Union, die in dem Denkmal eine „Verhöhunung aller im Krieg Gefallenen“ sah und forderte, die Skulptur zu entfernen.

Leserbriefe folgten, die inhaltlich von „unerträgliche Provokation“ bis zu „notwendige Auseinandersetzung mit der Geschichte“ reichten.
Immer wieder gipfelten Vorwürfe darin, mit dem Denkmal würden die Bundesrepublik Deutschland mit dem NS-Staat gleichgesetzt und es würde zur Desertion aus der Bundeswehr aufgerufen. Bezogen wurde sich auf den Helm der Skulptur und dem Ausspruch aus der Gruppe Reservisten verweigern sich: „Wir sind die Deserteure von morgen.“

Weitere Reaktionen auf das Denkmal gab es dann monatelang: bei Buten und Binnen, bei Extra3 im NDR, die Welt und FAZ berichteten ausführlich. Der Guardian berichtete positiv über das Denkmal, das zeige, dass die Geschichte des Nazi-Regimes noch lange nicht aufgearbeitet sei.

Und es gab Drohungen gegenüber Befürwortern des Denkmals. Rolf Meyer-Papst, Vorsitzender des Bürgerhausvereins, wurde derart attackiert, dass er sich genötigt sah, Polizeischutz in Anspruch zu nehmen.

Forderungen, das Deserteurs-Denkmal aus dem Bürgerhaus zu entfernen, kamen sowohl aus der CDU als auch vom Bundeswehr-Brigadegeneral Richter aus Schwanewede. Diesbezügliche Forderungen richteten sich alle nicht ans Bürgerhaus – obwohl die CDU damals sogar Vereinsmitglied war - sondern immer an die höheren politischen Instanzen. Senator Franke wurde mehrfach aufgefordert, das Denkmal entfernen zu lassen. Mit Verweis auf die Kulturhoheit des Bürgerhauses lehnte er diese Forderungen ebenso oft ab.

Am 21.10.1987 fand im Bürgerhaus eine öffentliche Beiratssitzung statt, an der über 350 Interessierte teilnahmen. Eingeladen war auch der Brigadegeneral Richter. Er teilte schriftlich mit, dass er aus dienstlichen Gründen verhindert sei und „… im Übrigen habe ich erklärt, dass Soldaten in Uniform nicht zugemutet werden kann, an Veranstaltungen des Bürgerhauses teilzunehmen, solange das alle Soldaten diskriminierende sogenannte Denkmal bei Ihnen aufgestellt ist. Das trifft selbstverständlich auch auf mich zu.“

Nach drei Stunden Diskussion, an der sich ehemalige Deserteure der NS-Wehrmacht und aktive Soldaten der Bundeswehr beteiligten und in der der Wortführer der CDU verlangte, das „Agitprop-Material“ einer „linksradikalen Mini-Mini-Gruppe“ zu entfernen, kam es zur Abstimmung. 11 Beiratsmitglieder sprachen sich für das Denkmal und 6 dagegen aus.

Aber die Bremer CDU ließ nicht locker. Ebenso wie die Partei Die Republikaner hatte sie den Deserteur zum Wahlkampfthema gemacht.
Der Bremer Bürgerschaftsabgeordnete Helmut Pflugradt setzte dabei vor allem auf die Angst vor Arbeitsplatzverlust: „…das Verteidigungsministerium sei über das Mahnmal so verschnupft, dass es über die weitere Vergabe von Rüstungsaufträgen – etwas Fregatten – nach Bremen-Nord noch weiter nachdenke müsse.“ Verteidigungsminister Wörner, der zwar auch die Entfernung des Denkmals forderte, widersprach Pflugradt: „Das Mahnmal werde die Vergabe von Rüstungsaufträgen an Werften und Betriebe in Bremen-Nord nicht beeinflussen.“

Am 24.03.87 fand eine Bürgerschaftsdebatte statt, auf die sich SPD und CDU verständigt hatten.

In ihr stritten die Parteien mit altbekannten Argumenten. Die Vertreter der SPD, Bürgermeister Wedemeier, Senator Franke, Fraktionschef Kunick bewerteten das Mahnmal positiv.
Der Abgeordnete der Grünen Martin Thomas erinnerte an die späteren Karrieren der Staatsanwälte und Kriegsrichter, die an den Todesurteilen und Verurteilungen von Deserteuren beteiligt waren, so auch an den ehemaligen Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Filbinger, der 1978 sein Amt niederlegen musste, nachdem er seine damaligen Urteile als Richter mit den Worten rechtfertigte: „Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“
Das Abstimmungsergebnis war eindeutig: CDU und Republikaner verlangten die Entfernung der Skulptur. Die Mehrheit hatten SPD und GRÜNE, die sie als notwendigen Denkanstoß begrüßten.

Daraufhin reichte der Bremer Vorsitzende der CDU-Fraktion und Abgeordnete des Bundestags Bernd Neumann die Frage in den Bundestag ein, wie die Bundesregierung dazu stehe, dass das Denkmal mit Unterstützung des Bremer Senats aufgestellt worden war. Die Frage und die Stellungnahme des damalige Parlamentarische Staatssekretär des Bundesministers für Verteidigung, Peter Kurt Würzbach (CDU) löste eine kurze, vehement geführte Auseinandersetzung im Bundestag aus. Würzbach bezeichnete das Aufstellen der Statue und die damit vermeintlich verbundene Gleichstellung von Deserteuren und Widerstandskämpfern des Zweiten Weltkrieg sowie das Implizieren der ‚„moralischen Pflicht‘“ der Bundeswehrsoldaten, ebenfalls zu desertieren, als „bewusste Geschichtsfälschung, dazu als grobe Geschmacklosigkeit. Nach Auffassung der Bundesregierung ist beides nicht hinnehmbar.“

In den Diskussionen und Auseinandersetzung ging es einerseits darum, ob mit einem Denkmal für Deserteure die von der NS-Militärjustiz verfolgten Deserteure heroisiert und damit gleichzeitig alle anderen Wehrmachtsangehörige diffamiert würden.
Ferner wurde gegenüber der Gruppe Reservisten verweigern sich und ihren Unterstützern der Vorwurf erhoben, sie setzten die NS-Wehrmacht mit der Bundeswehr gleich und forderten zur Fahnenflucht auf, was strafbar sei.

Immer wieder ging es in den Diskussionen um das Denkmal darum, aus welcher Motivation heraus Soldaten desertieren. Meist wurde polarisierend argumentiert und immer wieder zugespitzt auf konträre Positionen: NS-Wehrmachtsdeserteure waren Feiglinge und Verräter vs. NS-Wehrmachtsdeserteure waren antifaschistische Widerstandskämpfer.

Neuere Forschung legen nahe, dass die Motive zur Desertion häufig pragmatischer Natur waren: Kriegsmüdigkeit, Angst, Traumatisierung, familiäre Bindung, schlechte Versorgung und Führung, zunehmende Aussichtslosigkeit ab 1943/44 – situative Gelegenheit zur Flucht – die bewusste politische Ablehnung des Regimes spielte wohl seltener eine Hauptrolle.

Zu Ludwig Baumann ist dazu Folgendes in Erfahrung zu bringen. Im Wikipedia-Eintrag über ihn heißt es, „Ich hatte erkannt, dass es ein verbrecherischer, völkermörderischer Krieg war.“ Und – ohne zu viel zu spoilern – im Film, der am kommenden Donnerstag gezeigt wird, sagt er dazu: „Wir wollten leben“. Wahrscheinlich trifft beides zu.

Festgestellt werden kann, dass in den 70er und 80er Jahren aus linken Kreisen heraus den von der NS-Militärjustiz Verfolgten nicht nur ein Opferstatus, sondern auch ein Status als antifaschistische Widerstandskämpfer zugesprochen wurde. Damit schuf man zum Narrativ vom Verräter und Feiglinge eine Gegenerzählung.
Wie es Narrativen und Mythen inhärent ist, spiegeln sie selten die Wahrheit, verbauen vielmehr häufig den Blick auf weitergehende Erkenntnisse. Die Motive von Deserteuren sind selten monokausal und ergeben sich häufig in konkreten Situationen. In ihnen wird die Desertion als einziger Ausweg einer ansonsten ausweglosen Lage gesehen.

Und auch ist zu bedenken, dass alle Selbstaussagen zu Vergangenem zu guten Teilen immer auch Rechtfertigungserzählungen sind.

Mehr Forschung zu diesen Themen würden sicherlich weitere Erkenntnisse hervorbringen.

Kerstin von Lingen, Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Wien, ist eine, die zum Thema forscht. Im Juli dieses Jahres veröffentlichte sie einen Artikel Wehrmachtsdeserteur – Von stigmatisierten Außenseitern zu Leitfiguren der Zivilcourage.

Ihr Artikel endet wie folgt:
„Erst die Wehrmachtsausstellung brachte eine Debatte hervor, die im Kontrast zu den Inszenierungen der 70er und 80er Jahren stand, die Deserteure vor allem als pazifistische antifaschistische Verweigerer dargestellt hatte. Im Fokus standen nun Deutungsmacht und Narrative. Auch die Forschungen der 2000er Jahre widerlegen die medialen Dichotomien „Verräter vs. Vorbilder“, „Helden vs. Feiglinge“ durch differenzierte empirische Analysen des Handlungsspektrums. … (Danach) erscheint der Entschluss zur Desertion als Akt der Selbstermächtigung gegen den totalitären Anspruch des Regimes.“

Man darf gespannt sein, ob und von wem diese Einschätzung übernommen wird und vielleicht zu einem neuen Narrativ erhoben wird.

In meinem Telefonat mit Heinrich Theilmann bat ich ihn auch, noch einmal die Anliegen zu benennen, auf die sie 1986 mit ihrer Aktion aufmerksam machen wollten.

Es ging ihnen damals um das Recht auf umfängliche Kriegsdienstverweigerung. Nicht nur der Kriegsdienst mit der Waffe sollte verweigert werden können, sondern auch alle andere Dienstformen, die kriegsdienlich sein könnten. Weiter sprachen sie sich gegen die Gewissensprüfung aus, wie sie im Verweigerungsverfahren vorgesehen war. In ihr wurde – realitätsfern - davon ausgegangen, dass Gewissen eine feste, dauerhafte sowie messbare Größe sei.

Mit ihrer Aktion wollten sie einen Stein des Anstoßes in die Öffentlichkeit bringen, der auf Soldaten aufmerksam machen sollte, die in einer konkreten, vielleicht sogar einmaligen Situation ihrem Gewissen oder ihren Ängsten folgen und dafür hart bestraft werden. Es ging ihnen nicht um die Heroisierung von Deserteuren.
Soweit Heinrich Theilmann.

Bei der Vorbereitung auf diesen Vortrag wurde mir klar – und ich erinnerte mich dann auch, dass vor vierzig Jahren - ähnlich wie heute – kontrovers, polarisierend und hoch emotionalisiert debattiert wurde. Und - ähnlich wie heute, prägte nicht immer Wertschätzung den Stil der Debatten.

Einen wesentlichen Unterschied zu damals sehe ich allerdings: Es wurde und konnte mehr öffentlicher Raum genutzt werden, um miteinander ins Gespräch zu kommen – Raum, in dem sich Zivilgesellschaft mit Politik, Institutionen, Wissenschaft, Kirchen und viele andere Institutionen und Einzelpersonen Face to Face austauschen konnten.

Ich persönlich sehe darin einen Verlust, vermag aber nicht zu beurteilen, ob heute Debatten hochwertiger und produktiver an anderen Orten geführt werden.
Zu beobachten ist, dass öffentliche Räume, in denen Austausch unter Menschen im Real Life stattfinden, weniger geworden sind.
Auf der anderen Seite gibt es aber wohl auch weniger Menschen, die zusammenfinden, solche Räume zu schaffen oder sie einzufordern.

Darum ist mein letzter Gedanke dem Gustav-Heinemann-Bürgerhaus gewidmet, das Dem unbekannten Deserteur jetzt seit 40 Jahren Heimstätte ist.

In der Bürgerhauszeitung vom April 1987 schreibt der damalige Leiter des Bürgerhauses Gerd Meyer:
„Wir alle sind gefordert, … demokratisches Engagement und Zivilcourage aufzubringen. Die Diskussion muss weitergehen. Noch ist es nicht so weit, dass „Maulkörbe“ verteilt werden können.
Das Gustav-Heinemann-Bürgerhaus als Bildungs-, Kultur- und Freizeitzentrum ist und bleibt ein Ort, an dem unterschiedliche Meinungen frei eingebracht werden können.“

Ich wünsche uns allen, dass der Deserteur weiterhin zum Nachdenken und Debattieren anregt und das Bürgerhaus ein Ort bleibt, an dem diese Debatten geführt werden.
22.10.2026                                    Renate Sonnenberg

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